Clay Shirky sagt das Ende von Rupert Murdochs Paywall voraus

Clay Shirky | Quelle: Flickr by Doc Searls, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Wird Murdorch’s Paywall Experiment sich durchsetzen? Wird es scheitern? Muss man nur lange genug nach dem richtigen Finanzierungsmodell suchen damit es funktioniert? Das sind einige der großen Fragen der Medienindustrie zur Zeit. Ein Mann, vom Guardian als “Internet Guru”  bezeichnet, behauptet, Paywalls funktionieren an sich nicht. Er sagt auch voraus, dass gedruckte Zeitungen in 15 Jahren nur mehr eine Kuriosität sein werden.


Seit dem Rupert Murdoch letztes Jahr den mutigen Schritt setzte, den Alleingang der Paywall Finanzierung bei den Online-Ausgaben der Times und Sunday Times zu wagen, warten alle gespannt, wie sich das Experiment weiterentwickeln wird und ob nun auch andere Online-Zeitungen seinem Beispiel folgen werden.

Dass sich Paywalls bei gewissen Nichen-Angeboten wie Börsen-Informationen oder besonders hochwertigen spezifischen Produkten wie der Financial Times bereits gut etablitert haben und dies auch recht nachvollziehbar zu erklären ist – darüber ist man sich mittlerweile einig. Bei allgemeinen Tageszeitungen gilt aber immer noch die selbe Angst, das selbe Argument: die Informationen sind allgegenwärtig – muss man hier dafür zahlen, holt man sie sich eben anderwo. Vollkommen austauschbar. Es ist die Angst, seine Leser zu verlieren, und damit auch die Werbekunden. Die Art von Zahlungsbereitschaft und Leserbindung, die sich bei den Printzeitungen etabliert haben, scheinen sich im Netz zu verflüchtigen. Eine Öffnung und Demokratisierung von Information und Meinungsaustausch sagen die einen, der Untergang des Qualitätsjournalismus die anderen.

Einer der Gegner davon, Inhalte im Internet hinter „Mauern“ zu versperren, ist Clay Shirky, Autor von „Cognitive Surplus“ und ein enthusiatischer Beobachter der social network Kultur.
Nicht nur glaubt er, dass Murdoch’s Paywall zum Scheitern verurteilt ist, er bringt in einem Interview mit dem Guardian auch seine tiefen Bedenken zum Ausdruck:


“Here’s what worries me about the paywall. When we talk about newspapers, we talk about them being critical for informing the public; we never say they’re critical for informing their customers. We assume that the value of the news ramifies outwards from the readership to society as a whole. OK, I buy that. But what Murdoch is signing up to do is to prevent that value from escaping. He wants to only inform his customers, he doesn’t want his stories to be shared and circulated widely. In fact, his ability to charge for the paywall is going to come down to his ability to lock the public out of the conversation convened by the Times.“

Shirky ist der Meinung, dass die Nachricht ihren demokratischen, aufklärerischen Wert für den Bürger einbüßt, wenn dieser zum Kunden gemacht wird und im Internet für die Nachricht bezahlt. Er kann nachvollziehen, dass dieser kritische Wert bei der Printzeitung vom Leser auf die Gesellschaft ausstrahlt, im Fall von Murdochs Paywall sieht er diesen speziellen Wert jedoch eingeschlossen und isoliert.

Wie kommt er nun darauf, dass der Käufer einer Zeitung als Print-Ausgabe ein aufgeklärter Bürger ist und der Käufer der Online-Ausgabe ein zu befriedigender Kunde? Im Umfeld des Internets, wo Verlinkung und die massenhaft sowie unmittelbare Verbreitung von Informationen möglich ist, wo kleine Gruppen und sogar Einzelpersonen es sich leisten können, zu publizieren und eine Öffentlichkeit herzustellen, wo jeder, der Zugang zum Internet besitzt, an alternative Berichterstattung aus der ganzen Welt kommen kann – in diesem Umfeld mag die Paywall wirklich als undemokratischer Ausschlussmechanismus wirken.

Denkt man nun in den traditionellen Strukturen der Medienindustrie, scheint es die natürlichste Sache der Welt zu sein, für die Arbeit der Journalisten und die Ressourcen der Recherche Geld zu verlangen, genau so wie für jedes andere professionelle Medienprodukt. Es wirkt beinahe naiv, wie Zeitungen anfangs so breitwillig und progressiv ihre Inhalte im Internet frei zur Verfügung stellten, um dann erstaunt zu sehen, dass viele junge Leute, die an das Lesen und Recherchieren auf dem Bildschirm gewohnt sind, sich ihre Informationen lieber gezielt und gratis aus dem Netz holen. Denn: wie viel Zeit  jemand nun in deren Freizeit aufbringt, um zu bloggen, ob aus persönlicher oder gemeinschaftlicher Motivation ist eine Sache – doch ein Journalist, der bei einem Medienunternehmen arbeitet, muss sich selbst und vielleicht auch noch eine Familie erhalten, so gern und mit welch idealistischem Ansporn er seine Arbeit auch betreibt. Dies ist, wie gesagt, das Argument, das sich einem aufdrängt, wenn man in traditionellen Medienstrukturen denkt.

Bei der enormen Dynamik, die die Verbreitung des Internets in jegliche Kommunikationsabläufe bringt, bekommt man jedoch das Gefühl, es könnten sich tiefere Strukturen verändern und somit Ansprüche und Anforderungen aller Art verschieben. Shirky sieht in seinem unschlagbaren Optimismus jedenfalls großes, unerschlossenes Potenzial der Großzügigkeit und Gemeinschaftlichkeit, der Kreativität und Konnektivität in den neuen Netzwerken, das unser bisheriges konsumorientiertes Medienverhalten grundlegend verändern wird.

Eine sehr anregende und lebendige Erläuterung der Grundidee seines Buches präsentiert Shirky hier in einem TED Vortrag:

Clay Shirky: How cognitive surplus will change the world

Wie ergeht es nun dem Murdoch Experiment? Laut Wirtschaftsmagazins Bloomberg plant Murdoch, auch bei “News of the World” eine Paywall im Internet einzurichten. Es sei aber Vorsicht geboten, das als Zeichen des Erfolges zu deuten. Werbefirmen, so auch Starcom MediaVest, nehmen ihre Anzeigen von den Seiten der News Corporation, denn das Großunternehmen von Rupert Murdoch gibt keine Zahlen zu seiner Seite preis und gibt somit keinerlei Information über die zu erreichende Zielgruppe. Verständlicherweise sind die Prognosen somit eher skeptisch und es bleibt immer noch einen klaren Befund abzuwarten.

TheGuardian.co.uk | Clay Shirky: “Paywwall will underperform – the numbers son’t add up”
TheGuardian.co.uk | Book review: Cognitive Surplus by Clay Shirky
Bloomberg.com | Murdoch Banks on Rooney Hooker, Cocaine for Paywall Plans
TED.com | Clay Shirky: How cognitive surplus will change the world

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