Leben in der digitalen Blase

Dass Informationen über das Weltgeschehen einer Selektion unterzogen werden, ist ein bekanntes und so gut wie unvermeidbares Phänomen. Waren es in der Vergangenheit Verlage, Journalisten oder Politiker, denen diese sogenannte Gatekeeper-Funktion oblag, so sind es heute Algorithmen, die entscheiden welche Nachrichten uns zu Teil werden.

cc BY-NC-ND 2.0 - u.v.poblotzki

Die Selektion durch Algorithmen betrifft vor allem den Informationsfluss im Internet. Durch unser tägliches Verhalten beim Surfen (Anklicken von Artikeln, Verweilen auf bestimmten Seiten, Betätigen des Like-Buttons auf Facebook, etc.) liefern wir Daten über unsere persönlichen Vorlieben und Einstellungen. Aus unseren Nutzerdaten kann also ein spezielles Profil ermittelt werden, das es möglich macht, den Informationsfluss individuell auf die Vorlieben der zugehörigen Person zu münzen.

So bekommt jeder das zu sehen, was laut eigener Netzgeschichte für ihn relevant ist. Diese persönliche Relevanz definiert sich also im Prinzip daraus, was der Nutzer bisher rezipiert hat. Es ist somit möglich, dass ein folgenschweres weltpolitisches Ereignis für die einzelne Person als nicht relevant erachtet wird, wenn sie im Internet noch nie politisch interessiertes Verhalten an den Tag gelegt hat.

Warum wird gefiltert?

Das Konzept ist also sehr simpel: Aus unserem Verhalten wird ein Datensatz gewonnen, der es den Unternehmen ermöglicht, ihre Programme auf uns zuzuschneiden und zudem typgerechte Werbeanzeigen zu schalten. So gehört die individuelle Adaptierung bereits zum Internet-Alltag. Google beispielsweise observiert im Zuge der personalisierten Suche auch bei nicht angemeldeten Nutzern verschiedenste Merkmale (unter anderem den benutzen Browser, den Standort des Geräts, etc.) und speichert diese. Aber auch Amazon, Yahoo News, The Huffington Post, Flipboard oder Facebook arbeiten nach dem gleichen Prinzip.

Nun ist es natürlich nur legitim anzunehmen, dass eine individuelle Selektion des immensen Informationsangebotes im Internet bzw. speziell in den sozialen Netzwerken dem Nutzer nur entgegenkommt. Problematisch sind diese Entwicklungen aber in erster Linie deswegen, weil vor allem junge Leute oft so gut wie ausschließlich Social-Media-Plattformen zum Informationsgewinn heranziehen. Auch für journalistische Inhalte. Und genau hier fehlt folgerichtig allumfassender Nachrichtenzugang.

Die Komfortzone

Laut dem Autor Eli Pariser handelt es sich hierbei um eine „filter bubble“, die jedem eine persönliche “Komfortzone” einrichtet. In dieser Blase funktioniert die Welt so, wie man es von ihr erwartet – bei gleichzeitiger Wahrung des Gefühls, dass der Zugang zu allen Informationen offen steht. Jeder Nutzer bekommt eine subjektive Realität präsentiert, in der sich neuer Input nur schwer manifestieren kann. Persönliche Standpunkte werden durch diese bestätigende Nachrichten untermauert. Kontroverse Ansichten sind in diesem Sinne irrelevant.

Geht man noch einen Schritt weiter, so haben diese Mechanismen aber auch Auswirkungen auf das System an sich. Dadurch, dass bei der Google-Suche in den meisten Fällen nur Ergebnisse der ersten Seiten rezipiert werden, sind es auch jene Geschichten, die von den Nutzern wieder neu verlinkt und als Quellen genannt werden. Dieses Verhalten bestätigt die Algorithmen in ihrer Annahme, die relevantesten Meldungen bereits vorne gereiht zu haben. Vorne positionierte Ergebnisse sind somit dafür prädestiniert vorne zu bleiben. Schlechter gereihte bleiben dem entgegen hinten, obwohl sie theoretisch sogar die besseren Inhalte liefern könnten.

Das Problem

Algorithmen zur Individualisierung des Internet begünstigen also die subjektive Redundanz von Meinungen und Standpunkten. Es wird schwieriger, neue und eventuell kontroverse Informationen zu beziehen. Das zufällige Entdecken von Neuem wird „systematisch“ ausgemerzt.

Das Kernproblem ist die geringe Durchschaubarkeit der Selektionsmechanismen bzw. das geringe Wissen der Nutzer darüber. Häufig fällt es den Usern auf Facebook gar nicht auf, dass Statusmeldungen “irrelevanter Freunde” plötzlich auf der eigenen Seite nicht mehr aufscheinen. Der Algorithmus hat sie für uninteressant befunden und es krankt vor allem immer noch an der Medienkompetenz der Nutzer. Nur bewirkt diese Überfokussierung des individuellen Bereiches, dass nur mehr wenig wirklich öffentlicher Internet-Raum für Diskussionen und transparenten Informationsfluss bleibt. So bedroht sich Journalisten nun auch fühlen mögen, es bleibt letzten Endes ihre Aufgabe den Relevanz-Begriff wieder zu objektivieren und den Algorithmus durch ausgewogene Nachrichtenübermittlung zu ersetzen.