Nicht nur Google schlägt Wellen: Prozessjournalismus als Rettungsanker für den Journalismus

Nicht erst seit dem Einsetzen des großen Zeitungssterbens vor ein paar Jahren wird auf Papier und online über die Vor- und Nachteile des jeweils anderen Trägermediums diskutiert. Print Journalisten finden, das gedruckte, täglich ausgelieferte Wort sei Vorraussetzung für eine aufgeklärte Gesellschaft und Garant für Qualität sowieso. Und die digitalen Textkörper seien reine Copy-Paste- und Gerüchte-Maschinen, sofern es sich nicht um die Auftritte etablierter Medien handelt. BeimProzessjournalismus könnten beide Welten allerdings trotzdem wieder Freunde werden.

Woran hakt’s?

Holzklasse

Holzklasse, CC BY-NC-SA 2.0

Die “alte Garde aus der Holzklasse”, wie sie Martin Blumenau gerne nennt (in Österreich allen voran liebster Feind Abt Thurnher), misstraut der Audience-Participation und sieht die Netz- meist als Hetz-Community. So ist seitens der Online-Auftritte von Tageszeitungen oftmals das größte Zugeständnis ans Netz eine Kommentar-Funktion. Gerne unmoderiert, selten bis nie beachtet (derstandard.at bleibt als Treppenwitz par excellence).

Feedbackschleifen über die Leserschaft sind somit nicht gewährleistet. Nachrichtenseiten gleichen damit ihren papierenen Pendants: trotz der Freiheit eines fehlenden Redaktionsschlusses wird nach vielen Storys ein kleiner Schlussstrich gezogen.

Laut Stefan Niggemeier beruhe das auf einem Gefühl der Überlegenheit mancher JournalistInnen, sodass sie “nicht im Traum auf die Idee kämen, mit Lesern in den Kommentaren über ihre Artikel zu diskutieren.” Neben Feedbacks wird das Updaten einer Story vielerorts auch als Zeichen von Schwäche missinterpretiert. Das Prinzip dahinter nennt sich Produktjournalismus.

Irrglaube Perfektion

Dem entgegen setzt Jeff Jarvis den Begriff des Prozessjournalismus. Es ist nicht weniger als eine Kampfansage (wenn auch mit zum Gruße ausgestreckter Hand) an den Perfektionsbegriff des klassischen Journalismus: “Online, the story, the reporting, the knowledge are never done and never perfect.” Was weder Unprofessionalität noch Mangel an Standards markiere, sondern bloß eine andere Art Journalismus zu praktizieren.

Eine, die ihren LeserInnen kein fertiges Produkt vorsetzt, die weder transparente Aktualisierungen noch das Einbringen von Feedback schmäht. Eine Geschichte wird hier offensichtlich “zu einem Prozess, an dem jeder teilhaben kann und an dessen erfolgreichen Abschluss […] jeder mitwirken kann.

Dahinter steckt die Annahme, wie Robert Picard feststellt, dass Journalismus bloß an zweiter Stelle Geschäftsmodell, Beruf, Firma oder Distributionsplattform ist, und zu allererst eine Tätigkeit, “a body of practices by which information and knowledge is gathered, processed, and conveyed.

Jimmy

Yes Jimmy, you too!

Am Beispiel der Berichterstattung rund um die arabischen Frühling konnten die beiden Pole der Berichterstattung beobachtet werden. Während die NY Times oder Al Jazeera neben Live-Blogs, Twitter und eingebetteten Videos ständig auf sich gegenseitig verwiesen haben, lebten Spiegel-Online und Co. noch im Web 1.0.

Wave could have been the new news

Google Wave

Ein Ensemble aus sämtlichen Ideen zum kollaborativen Journalismus, das die LeserInnen in noch viel gravierenderer Weise miteinbezieht, schien Google Waves zu sein. Neben der Möglichkeit Twitter, Blogs, Homepages, Bilder und Videos live zu feeden, ist man mit diesem Protokoll in der Lage, geschriebenen Text in Echtzeit zu kommentieren und zu editieren. Die Feedbackschleifendauer auf quasi Null proklamierte Jarvis (wer sonst?): “Wave ist the new news.

Nur ein halbes Jahr später nach dem Release erhielt die erste Wave-involvierte Geschichte in der Seattle Times den Pulitzer Preis. Neben Auszeichnungen, euphorischen Guides und massig Tutorials waren selbstverständlich auch kritische Stimmen zu vernehmen: “Wer zusammen Texte schreiben will, der muss diese Menschen, die etwas zusammen sagen wollen, erst einmal finden.” An zu geringer Teilnahme scheiterte dann auch der Durchbruch des Tools, wie auf dem Google-Blog auch offen zugegeben wurde.

So stellte Google kein Jahr nach dem Release den Service zu Waves ein, jedoch nicht ohne den Code zur Weiterverarbeitung für talentierte Open Sourcer freizustellen. Auch die Liste an Alternativen ist nicht klein und bietet jede Menge Potential um Prozessjournalismus und Live Collaborative Editing über die Kommentar- und Feedback-Funktion hinaus gewinnbringend zu gestalten. It’s a never ending story, indeed.

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