Die Piraten betreiben Netzpolitik. Und Sie betreiben Politik im Netz. Sie graben politisch unmotivierte Wähler ab, die vorher entweder gar nicht zur Urne gingen oder aus Protest eine populistische Partei vom Rand des politischen Spektrums angekreuzt haben. Wenn etwas funktioniert, dann kommen bald die ersten Nachahmer. Politiker aller Couleur twittern inzwischen was das Zeug hält, um ihre #Followerpower zu erhöhen und haben Angst sich in ihrem Facebookprofil mit einem Shitstorm konfrontiert zu sehen, wenn Sie sich pro Acta äußern. Nicht selten otutet sich der ein oder andere Pseudo-Digital-Native als Laggard.
Im Fall des österreichischen Bundeskanzlers Werner Faymann (SPÖ) wurden Ende 2011 mit einem Budget von 100.000 Euro ein Youtube-Kanal, eine Facebookseite und eine Kanzler-App gebastelt. Es stellte sich bald heraus, dass der ganze Auftritt zu konstruiert war und , im wahrsten Sinne des Wortes, nicht viele Freunde fand. Peinlich ist die ganze Sache aber erst, seit bekannt wurde, dass ein Teil seiner Facebook-Anhänger nur Phantom-Freunde sind. Die SPÖ leugnet jede Verantwortung für solchen Praktiken, und bis heute ist nicht klar, wer die falschen Profile angelegt hat. Sein politischer Gegner Heinz Christian Strache, Parteiobmann der rechtspopulistischen FPÖ, hat sehr viel mehr echte Fans. 115.000 Leuten gefällt, wie er sich präsentiert – leider auch was er tut.
Erinnern wir uns zurück
Die erste große Welle, die Wähler bis ins Wahllokal geschwemmt hatte, war 2008 in Amerika. Als Barack Obama die Präsidentschaftswahl gewann, tat er das nicht zuletzt mit Hilfe der durch das Internet mobilisierten Wählerstimmen. Er war der erste Präsident, der einen erfolgreichen Youtube-Kanal betrieb und ein Bürgerforum in Facebook einrichtete, als seine Gegner soziale Netze noch für Spielzeuge hielten.
Auch 2012 ist der Vorsprung noch deutlich. Obama lud neulich zum gemeinsamen Hangout ein. Wer es nicht geschafft hat, konnte sich mit seiner Tumblr Seite trösten.
Obamas Berater für Soziale Medien hätte sich der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) wohl auch gewünscht nach seiner Idee, eine Party für seine Facebook Freunde in der Münchner Edel-Tanzhalle P1 zu veranstalten. Entgegen der Annahme war der Andrang überschaubar trotz Freigetränk, und die Aktion durchschaubar trotz Anwesenheit des Silver-Surfers selbst. Immerhin konnte er seinen direkten Gegner für das Wahljahr 2013, Christian Ude (SPD), deutlich hinter sich lassen. Zumindest in puncto Buzzing.
Wenn Politiker zuerst das Netz für Spielzeug halten und sich anschließend im Internet wie Kinder benehmen, dann sind wahre Freunde gefragt.


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