Warum engagieren sich Menschen für Wikipedia?

Viele kennen sie, viele nutzen sie: Wikipedia, die Wissenssammlung der neuen Generation. Auf Knopfdruck werden fein recherchierte Artikel zu unzähligen Themen ausgespuckt. So einfach war es noch nie, sich Inhalte für Hausübungen oder einfach aus reinem Interesse abzurufen. Doch macht man sich auch Gedanken darüber, wie diese Inhalte entstehen? Welche Gründe und Motivationen stehen hinter dem Phänomen Wikipedia? Ein kurzer Einblick.

Wikipedia

CC BY-SA 2.0 - nojhan

Motive für Einsteiger

Ein traditionelles Muster, wie z.B. Belohnung, für die Partizipation an Wikipedia gibt es nicht. Warum? Weil die Teilnahme freiwillig und ohne Bezahlung ist und auch der Faktor des „guten Rufs“ innerhalb einer sozialen Gruppe wegfällt, da mit Pseudonymen gearbeitet wird. Es muss also andere Gründe für die aktive Teilnahme an dieser Wissensdatenbank geben.

Soziologen entscheiden prinzipiell zwei Stufen am Teilnahmeprozess. So gibt es zwei Motive für Einsteiger. Das ist einerseits die Vorstellung, dass man, weil man etwas gratis erhält, sich vorstellen kann, etwas zurückzugeben. Im Fall von Wikipedia ist das nun das Lesen und Erweitern von Artikeln. Das zweite Motiv stellt die Ideologie hinter Wikipedia dar, die sich zum Ziel gesetzt hat, Wissen aus Copyrightgesetzen zu befreien und der Allgemeinheit sozusagen ohne Gegenleistung bereitzustellen. Diese Phänomene sind jedoch nicht geeignet, intensivere und weiterführende Teilnahme an der Erstellung von Artikeln auf Wikipedia zu erklären. Aussagen darüber kann die Netzwerkanalyse geben.

Sozialer Zusammenhang als Motivation

Diese Netzwerkanalyse sieht als Hintergrund die Theorien von Georg Simmel, der die Behauptung aufstellt, dass die soziale Position ein wesentlicher Faktor für Handlungen darstellt. Wie lässt sich diese Theorie aber nun auf Wikipedia umlegen? Forschungen besagen, dass das Handeln des Einzelnen durch den Kontext der Beziehungen und der Position bzw. ihrer positionalen Identität im Netzwerk bestimmt wird.

So gibt es in Wikipediabeiträgen meist einen Artikelkoordinator, der die zentrale Rolle bei der Erstellung des Artikels inne hat. Diese Person richtet sich in der Artikeldiskussion an alle und auch alle Teilnehmer adressieren ihre Beiträge an sie. Damit entsteht für den Artikelkoordinator die Verantwortung, den Artikel richtig zu ändern und administrieren.

Diese Verantwortung trägt nun dazu bei, dass sich der Artikelkoordinator in seinem Handeln bestätigt fühlt und auch weiters an dem Entstehungsprozess von Wikipedia teilnimmt. Dadurch bekommt er jedoch auch ein gewisses Maß an Autorität, da sein Wort mehr zählt als das eines „normalen“ Users. Meist erhält der Koordinator dann auch noch Hilfe bzw. Unterstützung von anderen prominenten Teilnehmern, wenn er zum Beispiel von außen, das heißt im konkreten Fall von neuen oder nicht so „prominenten“ Usern, korrigiert bzw. angegriffen wird.

Tritt dieser Fall ein, solidarisieren sich die sogenannten Artikelkoordinatoren untereinander und helfen sich gegenseitig. Aus diesen Gründen ist es somit auch für viele neue Artikelersteller schwer, in diesem System Fuß zu fassen. Das geht auch aus der Statistik hervor, die in Wikipedia 2000 aktive User zeigt. Im weiteren Verlauf gibt es danach immer wieder ein Ringen um diese Führungspositionen mit anderen Nutzern.

 Veränderungen der Ideologien

Wie schon vorher genannt, steht besonders für Einsteiger die Wikipedia-Ideologie von freiem Wissen im Vordergrund. Untersuchungen ergaben, dass es aber zu einer Veränderung dieses Umstandes kommen kann. Es zeigt sich immer mehr, dass nicht nur diese Form für die Wikipedianer wichtig ist, sondern dass es auch immer mehr zu noch mehr Forderung von Qualität kommt. Außerdem wollen arrivierte User stärker in einen Wettbewerb zu etablierten Lexika und dergleichen treten. Das lässt sich auch an Änderungen zur Einstellung der Ideologien feststellen, sobald User in den Administratorstatus aufgestiegen sind.

Diese Analysen zeigen, dass Wikipedia ein fast in sich geschlossenes System beherbergt, dass Machtkämpfe, soziale Beziehungen und Zusammenschlüsse aufweist in das es schwer ist, als außenstehender einzudringen und sich in der Hierarchie nach oben zu arbeiten.

Zum Abschluss ein kurioses Beispiel des Spiegel aus dem Jahr 2010. Hier geht es um den Wiener Donauturm. Ein User wollte den ersten Satz dieses Artikels von „Der Donauturm ist ein Aussichtsturm” in “Der Donauturm ist ein Fernseh- und Aussichtsturm”. Die Folge ist eine Diskussion mit Beleidigungen und Belehrungen im Umfang von mehr als 600.000 Zeichen.